Introvertierte leiden eher unter Bindungsangst

Gemäß der Theorie von C. G. Jung gibt es vier Haupttypen: Den Denktyp (rationales Denken), den Fühltyp (Emotionen), den Empfindungstyp (körperliche Empfindungen) und den Intuitiven (Intuition). Diese Typen werden noch weiter unterteilt in introvertiert und extravertiert. Es gibt also extravertierte und introvertierte Fühltypen. Und das gleiche gilt für alle vier Haupttypen. Haben Introvertierte eher Beziehungsangst oder Bindungsangst als Extravertierte?

Bindungsangst ist nicht ausschließlich auf einen bestimmten Persönlichkeits-Typus beschränkt, Verschiedene Faktoren wie persönliche Erfahrungen, Kultur, Erziehung und Lebensumstände spielen bei der Entwicklung von Bindungsangst eine Rolle.

Allerdings neigen Menschen mit introvertierter Persönlichkeit dazu, weniger offensiv mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen, was in einigen Fällen zu Schwierigkeiten bei der Herstellung und Aufrechterhaltung von Beziehungen führen kann. Daher könnte man argumentieren, dass introvertierte Typen möglicherweise eher bindungsängstlich sein könnten als extravertierte Typen.

Studien zum Zusammenhang von Introvertiertheit und Bindungsangst

Introvertierte haben häufiger Bindungsangst Einige Studien weisen darauf hin, dass Introvertierte ein höheres Risiko haben, Bindungsangst zu entwickeln, als Extrovertierte.

Eine Studie von Spielmann, MacDonald und Wilson (2009) ergab beispielsweise, dass Introvertierte aufgrund ihrer Tendenz, sich zurückzuziehen, weniger Vertrauen in andere Menschen haben.  Und sie haben Schwierigkeiten, emotionale Nähe und Verbundenheit aufzubauen. Diese Schwierigkeiten können dazu führen, dass Introvertierte sich zurückziehen und Distanz in Beziehungen halten, was als Bindungsangst interpretiert werden kann.

Eine weitere Studie von Bouchard, Lecours, Lafontaine und Tremblay-Guay (2017) ergab, dass Introvertierte eher Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen auszudrücken und ihre Bedürfnisse in Beziehungen zu kommunizieren. Dadurch kann es schwieriger werden, Vertrauen aufzubauen und eine enge Bindung zu einem Partner aufrechtzuerhalten.

Sind Introvertierte beziehungsunfähig?

Es gibt eine gewisse Korrelation zwischen Introversion und Beziehungsunfähigkeit. Introvertierte Menschen haben oft Schwierigkeiten, enge Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Sie können sich in Beziehungen unwohl fühlen und sich zurückziehen, wenn es ihnen zu eng wird. Dies kann zu Problemen in der Beziehung führen, wie z. B. Streit, Missverständnissen und sogar Trennungen.

Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Bindungsangst häufiger in unglücklichen oder instabilen Beziehungen sind. Sie haben auch ein höheres Risiko für Trennungen und Scheidungen. Aber das trifft nicht auf alle Introvertierten zu: Nicht die Persönlichkeitseigenschaft Introversion, sondern die Bindungsangst erhöht das Risiko für eine unglückliche Beziehung. Wer Angst davor hat, eine Beziehung einzugehen oder Nähe zuzulassen, scheut oft das Risiko, das jede Beziehung nun einmal bedeutet.

Das bedeutet, dass nicht alle Introvertierten beziehungsunfähig sind. Sie lassen sich nur nicht so schnell auf eine Beziehung ein und können nicht so gut über Ihre Gefühle reden.

Stärken von Introvertierten nutzen um Bindungsangst zu überwinden

Introvertierte haben Stärken, die ihnen helfen können, ihre Bindungsangst anzunehmen und zu überwinden. Hier sind einige dieser Stärken:

  • Introspektion: Introvertierte haben oft eine reichhaltige Innenwelt und verbringen viel Zeit damit, ihre Gedanken und Gefühle zu reflektieren. Diese Fähigkeit kann dazu beitragen, die Ursachen der Bindungsangst zu identifizieren und anzugehen.
  • Empathie: Introvertierte sind oft sehr einfühlsam und können sich gut in die Gefühle anderer hineinversetzen. Diese Fähigkeit kann dazu beitragen, Vertrauen und Verbundenheit in Beziehungen aufzubauen.
  • Zuhören können: Introvertierte Personen sind oft gute Zuhörer und können sich gut auf die Bedürfnisse ihrer Partner konzentrieren.
  • Kreativität: Introvertierte haben oft ein kreatives Talent und nutzen ihre Vorstellungskraft, um neue Ideen zu entwickeln. Diese Fähigkeit kann dabei helfen, neue Wege zu finden, um die Bindungsangst zu überwinden und in Beziehungen zu wachsen.
  • Analytisches Denken: Introvertierte sind oft sehr gut darin, komplexe Probleme zu analysieren und Lösungen zu finden. Diese Fähigkeit kann dabei helfen, die Ursachen der Bindungsangst zu verstehen und praktische Schritte zur Überwindung zu entwickeln.
  • Tiefe Beziehungen: Obwohl Introvertierte oft zurückhaltender sind als Extrovertierte, sind sie oft sehr gute Freunde und haben enge Beziehungen zu einer Handvoll von Menschen. Diese Fähigkeit kann dazu beitragen, eine sichere Basis zu schaffen, um die Bindungsangst zu überwinden.

Diese Stärken führen nicht automatisch dazu, dass Introvertierte ihre Bindungsangst überwinden. Es erfordert oft harte Arbeit, Selbsterkenntnis und Zeit, um sich mit diesen Herausforderungen auseinanderzusetzen und neue Verhaltensweisen in Beziehungen zu entwickeln.

Wie können Introvertierte mehr Vertrauen aufbauen?

Mehr Selbstbewusstsein durch Selbsterkenntnis: Vertrauen in die eigenen Stärken Introvertierte können mehr Vertrauen in andere Menschen entwickeln, indem sie gezielte Schritte unternehmen, um ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern und ihre Ängste zu bewältigen. Hier sind einige Tipps, die dabei helfen können:

  • Akzeptieren Sie Ihre Introversion: Grundlage für die Entwicklung Ihrer Persönlichkeit ist, dass Sie akzeptieren und verstehen, dass Introversion eine Stärke ist und keine Schwäche.
  • Finden Sie Gleichgesinnte: Suchen Sie nach Menschen, die ähnliche Interessen und Persönlichkeitsmerkmale haben wie Sie. Dadurch können Sie sich wohler fühlen und Vertrauen aufbauen.
  • Schrittweise aus der Komfortzone herauskommen: Versuchen Sie, sich schrittweise aus Ihrer Komfortzone herauszubewegen, indem Sie zum Beispiel an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen oder in sozialen Situationen mit neuen Menschen interagieren.
  • Reflektieren Sie Ihre Beziehungserfahrungen: Nehmen Sie sich Zeit, um über vergangene Beziehungserfahrungen nachzudenken und die Ursachen für Ihre Ängste zu identifizieren. Dies kann helfen, Ihre Gedanken und Gefühle zu klären und einen neuen Blick auf Beziehungen zu bekommen.
  • Therapie in Betracht ziehen: Eine Bindungsangst-Therapie kann dabei helfen, tieferliegende emotionale Probleme und Blockaden zu identifizieren und anzugehen.

Übernehmen Sie nicht die Sicht von Extravertierten. Erlauben Sie sich,  als Introvertierter ein gewisses Maß an Distanz in Beziehungen zu halten, um sich wohl und sicher zu fühlen. Es ist eine Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Ihrer introvertierten Natur und Ihren Bedürfnissen in Beziehungen zu finden. Nehmen Sie diese Herausforderung an.

Warum sind Introvertierte oft schweigsam?

Introvertierte Menschen sind nicht immer schweigsam, aber sie bevorzugen es oft, in Ruhe und in ihren Gedanken zu sein. Dies liegt daran, dass Introvertierte dazu neigen, über ihre Eindrücke und Empfindungen nachzudenken, bevor sie sie ausdrücken. Sie können sich durchaus leidenschaftlich und ausdrucksstark ausdrücken, wenn sie über ein Thema sprechen, das sie interessiert oder über das sie sich gut informiert haben.

Jedoch fühlen sich Introvertierte häufig schneller überfordert in Situationen mit vielen Menschen oder Reizen und bevorzugen dann eher weniger Gespräche oder soziale Interaktionen. Das kann dazu führen, dass sie in diesen Situationen schweigsamer sind, um ihre Batterien aufzuladen und sich zu regenerieren.

Zusätzlich können Introvertierte auch das Bedürfnis haben, ihre Gedanken und Ideen vorab auszuarbeiten, bevor sie sie mit anderen teilen. Sie möchten sich sicher und wohl dabei fühlen, was sie sagen, bevor sie sprechen. Daher hören sie in Gruppen oft länger zu und äußern erst später ihre Gedanken.

Introvertierte sind oft hochsensibel

Hochsensibel und empathisch Es gibt oft einen Zusammenhang zwischen Introvertiertheit und Hochsensibilität. Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich durch eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Reizen auszeichnet. Alle Reize wie zum Beispiel Geräusche, Gerüche, Licht, Berührungen oder emotionale Signale von anderen Menschen werden von Hochsensiblen intensivst wahrgenommen. Introvertierte haben oft eine höhere Empfindlichkeit gegenüber Reizen und neigen dazu, sich schneller überfordert oder überstimuliert zu fühlen.

Menschen, die hochsensibel sind, können auch dazu neigen, ihre Gedanken und Empfindungen tiefer und intensiver zu erleben und zu verarbeiten als andere Menschen. Dadurch kann es für sie schwieriger sein, sich in sozialen Situationen zu öffnen und zu interagieren, da sie sich oft schneller von Überstimulation zurückziehen müssen.es

Nicht alle Introvertierten sind auch hochsensibel  und nicht alle hochsensiblen Menschen sind introvertiert. Es gibt auch extravertierte Hochsensible. Die beiden Konzepte sind zwar häufig miteinander verbunden, aber sie sind nicht identisch und jeder Mensch ist einzigartig und kann eine andere Mischung dieser Persönlichkeitsmerkmale aufweisen.

Sind Hochsensible eher bindungsängstlich?

Haben Hochsensible eher Bindungsangst als weniger sensible Menschen? Darauf gibt keine eindeutige Antwort. Hochsensible Menschen können in manchen Fällen eher dazu neigen, sich von intensiven emotionalen Beziehungen zurückzuziehen, wenn sie das Gefühl haben, überfordert oder überstimuliert zu sein.

Auf Grund ihrer Feinfühligkeit beachten hochsensible Kinder sehr genau, wie es ihren Eltern geht. Oft bekommen sie die Gefühle Ihrer Eltern besser mit als sie selbst. Ihr größeres Verantwortungsgefühl führt zu dem Wunsch, alles dafür zu tun, dass es Mutter und Vater gutgeht. Das kann zu einer Überforderung führen.

Hochsensible Menschen können besonders einfühlsam und liebevoll in Beziehungen sein, da sie oft in der Lage sind, sich sehr tief in die Bedürfnisse und Gefühle ihres Partners oder ihrer Partnerin einzufühlen. Einige Studien haben tatsächlich gezeigt, dass hochsensible Menschen in Paarbeziehungen tendenziell eher emotional engagiert und zufrieden sind als weniger sensible Menschen.

Wie umgehen mit bindungsängstlichem Partner?

Generell sollte man sehr vorsichtig mit Typisierungen von Menschen umgehen: Denn jeder Mensch ist einzigartig. Unterschiede anzuerkennen kann helfen. Ein Denktyp kann in einer Stress-Situation nicht so schnell über seine Gefühle sprechen wie ein Fühltyp. Er braucht Zeit um, über das Chaos in seinen Gefühlen sprechen zu können. Am liebsten würde er durch Nachdenken erst einmal Ordnung in das Chaos bringen, bevor er seine Gefühle äußert. Deshalb wirkt er oft kalt und unempathisch. Eine Partnerin, die ein Fühltyp ist, sollte einem Partner, der ein Denktyp ist, mehr Zeit geben, seine Gefühle zu äußern. Da ist Geduld gefordert. Trotzdem sollte sie nicht aufgeben, denn ohne das Gespräch über die unterschiedlichen Gefühlswelten wird eine Beziehung zwischen sehr unterschiedlichen Menschen nicht funktionieren.

Hochsensibilität und Bindungsangst

Mein Partner hat Bindungsangst