Wir gestalten unser Schicksal durch die Wahl unserer Götter

Unseren Willensfreiheit ist durchaus beschränkt. Spätestens seit Sigmund Freud wissen wir, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind. Unbewusste Ängste und Bedürfnisse haben einen größeren Einfluss auf unseren Willen, als wir gerne wahrhaben wollen. Andererseits ist ohne den Glauben an einen freien Willen wirklich menschliches Leben nicht möglich. Unsere Freiheit ist nicht unendlich, sie ist beengt durch innere und äußere Bedingungen. Wie kann man den geringen Freiraum besser nutzen?

Während wir uns der äußeren Begrenzungen unserer Freiheit sehr wohl bewusst sind, sind wir der Fesseln in uns selbst meist nicht bewusst. Gedankliche und emotionale Fesseln, die uns daran hindern, unser volles Potenzial zu leben: Nicht jeder Gedanke und nicht jedes Gefühl in uns sind unsere eigenen. Sie sind irgendwann zu uns gekommen, wie auch immer, und bestimmen so, wie wir handeln.

Die unterschiedliche Bedeutung des Unbewussten bei Freud und Jung

C. G. Jung C. G. Jung unterschied zwischen Ich und Selbst. Das Ich ist das Tagesbewusstsein, das Selbst ist etwas, was uns bestimmt, was in uns liegt, aber nur zum Teil durch Intuition und durch andere Kanäle zu uns spricht.

Für Freud war die Maxime: „Wo Es ist, soll Ich werden.“ ES, das Unbewusste, sollte vom Tagesbewusstsein, dem ICH, erhellt werden. Die Macht des Unbewussten sollte durch die Ausweitung des Ichs gezähmt werden. Für Freud war das Unbewusste eher ein Unterbewusstsein: unzivilisierte Triebe, unsere niedere, animalische Natur.

Mit Jung könnte man die Maxime aufstellen: „Wo Ich ist, soll Selbst werden.“ Für Jung enthält das Unbewusste auch ein Überbewusstsein, etwas, was zwar zum großen Teil unbewusst ist, aber uns anspornt, uns unserer Göttlichkeit bewusster zu werden. „Wo Ich ist, soll Selbst werden.“ Das Ich des Tagesbewusstsein soll sich öffnen für das, was in unserem Innersten mit dem Allganzen verbindet und als Potenzial in uns darauf wartet, entdeckt und entfaltet zu werden.

Die Begrenzungen unserer Willensfreiheit

Die Bedingungen und Begrenzungen unserer Willensfreiheit hängen sehr stark mit dem Spannungsverhältnis zwischen Ich und Selbst zusammen. „Der Mensch denkt, Gott lenkt“. Oder für Menschen, die mit dem Begriff „Gott“ nicht mehr so viel anfangen können: Der innerste Wesenskern des Menschen, sein Selbst, hat oft etwas anderes mit uns vor, als unser Tagesbewusstsein.

Wir merken es oft erst im Nachhinein, dass wir behütet und geleitet wurden. Wenn ich in einem bestimmten Moment, einem inneren Impuls folgend, die eine Entscheidung nicht getroffen hätte, dann hätte ich in einer anderen Stadt studiert. Und dann wäre ich dieser Frau nie begegnet. Dann wäre ich nicht Vater dieses Sohnes geworden. Und dann wäre ich heute nicht der, der ich jetzt bin.

Woher kam dieser innere Impuls? Rudolf Steiner weist an verschiedenen Stellen in seinem Werk darauf hin, dass man bei der Betrachtung der eigenen Biografie im Nachhinein erkennen kann, dass jeden Tag etwas geschieht, was uns in eine bestimmte Richtung lenkt. Etwas, was von uns leicht übersehen wird, aber im Nachhinein als sehr segensreich herausstellt.

„Wenn der Mensch später mit wachem Bewusstsein auf sein Leben zurückblickt, da wird er finden, dass es oft ganz kleine Ereignisse waren, welche zu den wichtigsten Wendepunkten in seinem Dasein geführt haben. Dem gewöhnlichen Bewusstsein entgehen diese kleinen Ereignisse leicht, doch, wer das Leben zu betrachten lernt, wird erkennen, wie ein scheinbar gleichgültig verlaufendes Gespräch, ein flüchtiges Begegnen mit einem andern Menschen, die Ursache der wichtigsten Entschlüsse, der größten Lebenswandlungen werden kann.“

– Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (GA 10)

 

Ein weiteres Zitat aus Steiners Vortragswerk (z.B. in GA 157, Vortrag vom 13.2.1915):

„Wenn wir später in unser Leben zurückschauen, so sind es oft nicht die großen Ereignisse, sondern kleine, unscheinbare Begegnungen, scheinbar belanglose Zufälle, die sich als die wahren Wendepunkte unseres Schicksals erweisen.“

– Rudolf Steiner (sinngemäß, nach Vorträgen über Biographie, z.B. GA 157)

 

Wie der Mensch ohne ein Bewusstsein von Freiheit nicht wahrhaft Mensch sein kann, so kann er auch nicht ohne ein Streben nach Sinn leben. Selbstverwirklichung ist bei C. G. Jung Individuation: Es geht nicht darum, sich an eine Norm, an ein von anderen Menschen vorgegebenes Bild anzupassen, sondern noch individueller zu werden, zu dem zu werden, wer man potenziell ist. Jeder Mensch ist einzigartig, eine Knospe, die sich zur vollen Blüte entfalten will.

Jede mutige Tat erweitert unsere Freiheit

Jeder kleine Schritt erweitert den eigenen Freiraum Wir sind weder völlig frei, noch völlig ungebunden. Heinz Drossel, im 2. Weltkrieg ein deutscher Wehrmachtsoffizier, zeigt in seiner Autobiografie „Zeit der Füchse. Lebenserinnerungen aus dunkler Zeit“, dass man immer eine Wahl hat, auch in einem totalitären System. Es erfordert Mut, keine Frage. Aber mit jeder kleinen Entscheidung, das zu tun, was man für das Richtige hält, wächst der eigene Spielraum, erhält man mehr Möglichkeiten.

Heinz Drossel hätte vielleicht nie die Chance bekommen, Juden vor ihrem sicheren Tod zu retten, wenn er nicht vorher im Kleinen schon bei weniger gefährlichen Gelegenheiten das getan hätte, was sich für ihn richtig angefühlt hat. Sein Maßstab war sein innerer Kompass, nicht die Vorgaben seiner Vorgesetzten und der Obrigkeit.

Unsere Freiheit wird größer, wenn wir unseren noch so geringen Spielraum ausnutzen, der zu werden, der wir sind. Natürlich sind wir durch unsere Gene, durch unsere Prägung durch unsere Familie, unsere soziale Schicht, unsere Bildung begrenzt. Doch wir nutzen den eigenen Spielraum nicht annähernd aus.

Wir gestalten unser Schicksal durch die Wahl unserer Freunde

Vergil: Wir gestalten unser Schicksal durch die Wahl unserer Götter
Vergil: Wir gestalten unser Schicksal durch die Wahl unserer Götter

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Wir haben die Freiheit, die richtigen Freunde zu wählen, uns mit ihnen zu treffen. Wenn wir bestimmte Gedanken besprechen, entsteht eine bestimmte Atmosphäre, die uns beeinflusst. Schöne, gute und wahre Gedanken machen uns weiter. Hässliche, schlechte und unwahre Gedanken machen uns enger.

Wir haben die Freiheit, uns zusammenzutun mit Menschen, die ein bestimmtes Ziel teilen. Eine Gruppe, die gemeinsam ein bestimmtes Ziel anstrebt, gestaltet so ihr Schicksal. Und so bis zu einem gewissen Grade auch das Schicksal jedes einzelnen in der Gruppe. Ob wir uns von einer Gruppe oder einem Ziel angezogen fühlen, das ist nicht nur von unserem Tagesbewusstsein abhängig.

„Wir gestalten unser Schicksal durch die Wahl unserer Götter.“ Dieser Vergil zugeschriebene Satz gilt auch heute noch, ob wir an Götter glauben oder nicht. Unsere bewussten oder unbewussten Werte wirken wie Götter: Mit jeder kleinen Entscheidung, die wir treffen, verändern wir uns und die Welt, in der wir leben.

Wir schaffen uns eine Atmosphäre, die uns dann wieder beeinflusst

Die Gedanken, die wir denken, schaffen eine Atmosphäre, die bestimmte neue Gedanken anzieht. Neue Menschen kommen in unser Leben, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf andere Aspekte richten als bisher. Es ist nicht unwichtig, womit wir uns beschäftigen. Und es macht einen Unterschied, wie wir uns damit beschäftigen.

Corona hat uns die Bedeutung von Hygiene noch deutlicher bewusst gemacht: Es ist nicht unwichtig, was ich anfasse und was ich einatme. Neben einer materiellen Hygiene ist auch die psychische Hygiene wichtig: Wir leben in einem Meer von Gedanken und Gefühlen und diese Atmosphäre beeinflusst uns mehr als uns bewusst ist, und wir tun sehr viel weniger für unsere psychische Hygiene als für physische Hygiene.

Jede kleine Entscheidung beeinflusst, welchen Einflüssen wir ausgesetzt sind. Das Internet verschärft diese Tendenz noch mehr. Mit jedem Like und jedem Besuch einer bestimmten Website geraten wir tiefer in eine Blase: Die Tech-Giganten zeigen uns eine zunehmend kleinere Auswahl an Informationen. Rein theoretisch ist das Internet ein wunderbarer Zugang zu dem gesamten Wissen der Welt. In der Praxis gehört aber eine gewisse Anstrengung dazu, sich den Manipulationen der Algorithmen zu entziehen. Und so die eigene Freiheit etwas zu erweitern.

Glaubenssätze schaffen unser Schicksal

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Dieser Gedanke Kants fasst zusammen, um was es heute geht: Wir werden nicht mehr durch körperliche Gewalt daran gehindert, unsere Freiheit zu erweitern, sondern durch die Wahl unserer Götter. Man kann „Götter“ hier auch durch „Glaubenssätze“ ersetzen: Wir gestalten unser Schicksal durch die Wahl unserer Glaubenssätze.

Wie ist es möglich, dass 2024 mehr als der Hälfte der amerikanischen Wähler Trump gewählt hat? Um diese Frage nicht nur oberflächlich beantworten zu können, lohnt es sich, zu den Anfängen von Trumps Karriere als Politiker zurückzugehen: Wie war es 2016 überhaupt möglich, dass er als absoluter Außenseiter in der republikanischen Partei alle anderen Kandidaten aus dem Feld schlagen konnte? Dazu gibt es eine interessante Studie aus dem Vorwahlkampf der Republikaner bei der 1. Wahl von Donald Trump im Jahr 2016:

Weder Intelligenz noch ethnische Herkunft, Geschlecht, Einkommen, religiöse Einstellung oder Bildungsgrad konnten den typischen Trump-Wähler besser vorhersagen als der von ihm bevorzugte Erziehungsstil.

Sehr früh im Wahlkampf 2015, als es darum ging, welcher Kandidat von den Republikanern ins Rennen für die Präsidentschaftswahl geschickt werden soll, unterschieden sich die Anhänger von Trump sehr wenig von den Anhängern der anderen republikanischen Kandidaten. Zumindest in den üblichen Kategorien, die Wahlforscher berücksichtigen.
Matthew MacWilliams jedoch fragte zusätzlich nach dem Erziehungsstil der Wähler. Dafür benutzte er vier Fragen:
„Was ist für Sie bei der Erziehung von Kindern wichtiger?
1. Unabhängigkeit oder Respekt vor Erwachsenen?
2. Neugierde oder gute Manieren?
3. Selbstvertrauen oder Gehorsam?
4. Rücksichtsvoll sein oder gutes Benehmen?“

Autoritärer Erziehungsstil Der typische Trump-Anhänger wählte bei allen vier Fragen die zweite Variante.
Der Autor der Wählerbefragung hatte diese Fragen nicht zufällig in seinen Fragebogen aufgenommen. Mit diesen Fragen misst man das, was man seit Adorno in den 50er Jahren Autoritarismus nennt.

Die anderen Kandidaten der Republikaner unterschieden sich in ihren Ansichten zu politischen Fragen nicht wesentlich von den Ansichten von Trump. Aber sie traten bei weitem nicht so autoritär auf.

Glaubenssätze und Werte, wie die hier unter „Autoritarismus“ zusammengefassten, gestalten unser Schicksal. Die Wahl unserer Glaubenssätze geschieht meist nicht bewusst. Der eigene Erziehungsstil wird sehr stark durch den Erziehungsstil der eigenen Eltern beeinflusst, andere Einflüsse kommen hinzu.
Hier wird einmal mehr deutlich, dass unsere Freiheit begrenzt wird, von innen und von außen. Wie kann man dann seinen Freiraum erweitern?

Wer dankbarer ist, ist auch automatisch glücklicher

Durch die Wahl unserer „Götter“, sprich Werte und Glaubenssätze. Wie und ob sich Glaubenssätze verändern lassen, wurde in einer Studie von Robert Emmons und Michael McCullough untersucht. Sie baten Probanden ein Tagebuch zu führen.
wer dankbar ist, ist auch glücklich Die erste Gruppe sollte täglich Umstände und Erlebnisse festhalten, für die sie dankbar waren, die zweite alles notieren, was lästig erschien. Nach neun Wochen bemerkten die Forscher Veränderungen innerhalb der ersten Gruppe: Deren Mitglieder beschrieben sich als aufgeschlossener und leidenschaftlicher, berichteten generell von größerer Lebensfreude.“
aus: GEO
https://www.geo.de/wissen/eine-frage-des-zufalls-warum-glueck-viel-wichtiger-ist-als-die-30197514.html

Wer viel Glück hat, ist nicht automatisch dankbar dafür. Aber umgekehrt: Wer dankbar ist für das, was ihm zufällt, der fühlt sich glücklich.
Ist Dankbarkeit der Schlüssel zu Lebensglück und Lebensfreude? Die Studie legt es nahe. Wer sein Lebensglück reflektiert, wird nicht nur freigebiger, sondern auch – noch glücklicher.

„Es ist eigentlich wie ein Wunder, dass der moderne Lehrbetrieb die heilige Neugier des Forschens noch nicht ganz erdrosselt hat.
Denn dieses delikate Pflänzchen bedarf neben Anregung hauptsächlich der Freiheit; ohne diese geht es unweigerlich zugrunde.
Es ist ein großer Irrtum, dass Freude am Schauen und Suchen durch Zwang und Pflichtgefühl gefördert werden könne.“
– Albert Einstein

Für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland ist die Quelle des Reichtums unsere Innovationskraft. Die Götter Neugier und Unabhängigkeit im Denken sollten besser zu uns passen als Gehorsam.

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